Farbratten: Sozial, verschmust und unterschätzt

RATTEN! Kaum eine andere Tierart hat einen so schlechten Ruf als Schädling und potenzieller Krankheitsüberträger wie die Ratte. Dabei haben die extra für die Heimtierhaltung gezüchteten Farbratten auch eine ganz andere Seite: Als intelligente und durchaus sehr menschenbezogene Heimtiere finden sie immer mehr Liebhaber.

Foto: IVH/BNA-Hirt

Ratten: Mehr Vielfalt als angenommen

Die Gattung der Ratten (Rattus) umfasst weltweit 65 Arten. In Deutschland kommen aktuell zwei Arten wildlebend vor: die Hausratte (Rattus rattus) und die Wanderratte (Rattus norvegicus). Die ursprünglich aus Asien stammende Hausratte gelangte wahrscheinlich schon in der Antike nach Europa, während die Wanderratte erst vor 300 Jahren eingeschleppt wurde oder eingewandert ist. Gegen die größere und schwerere Wanderratte konnte sich die Hausratte nicht behaupten und steht inzwischen auf der Roten Liste der vom Aussterben bedrohten Tierarten.

Die beliebten Farbratten stammen von der Wanderratte ab. Historische Quellen belegen, dass bereits vor 200 Jahren gezielt Wanderratten gezüchtet wurden. Dabei fiel sehr früh auf, dass die Nachzuchten immer zahmer und ruhiger wurden. Zudem traten schnell erste Farbvarianten (z. B. Albinos) auf, die letztendlich namensgebend für die Farbratten waren. Heute gelten die Farbratten als domestiziert und werden in vielen Farb-, Fell- und Körpervariationen – auch für den Fachhandel – gezüchtet. Von aus Qualzuchten stammenden Rattenarten, wie Nackt-, Mansk- und Rexratten sollte allerdings Abstand genommen werden.

Leben mit Farbratten

Aktuelle Forschungsergebnisse zeigen immer neue und faszinierende Aspekte des Rattenverhaltens. So sind die Tiere nicht nur (relativ) intelligent, sondern zeigen auch Empathie und Gefühle wie Reue. Farbratten werden – den richtigen Umgang vorausgesetzt – schnell zahm und passen häufig ihre Schlaf- und Spielzeiten ihren Besitzern an. Zudem suchen sie gerne Körperkontakt. Jedem Rattenhalter sollte aber auch bewusst sein, dass ein Rattengehege regelmäßig gereinigt werden muss.

Die Ratte nie am Schwanz greifen

Ratten verfügen über ein sehr empfindliches Gehör und eine sehr feine Nase. Beide Sinne spielen bei der innerartlichen Kommunikation eine wichtige Rolle. So kommunizieren Farbratten über – für den Menschen nicht wahrnehmbare – Töne im Ultraschallbereich und über eine Vielzahl von Geruchsstoffen. Aber auch über die Funktion des langen, vermeintlich nackten Rattenschwanzes gibt es heute viele Erkenntnisse. Der ungefähr körperlange Schwanz ist mit einer sehr empfindlichen, in Schuppenringen unterteilten Haut und sehr kleinen Härchen besetzt und ist ein wichtiges Tastorgan. Zudem spielt er eine wichtige Rolle beim Klettern, der Balance und der Regulation der Körpertemperatur. Farbratten dürfen nie am Schwanz hochgehalten oder an der Schwanzspitze festgehalten werden, da dies den Tieren erhebliche Schmerzen zufügt.

Leben in der Gemeinschaft

Farbratten sind sehr gesellig und dürfen auf keinen Fall einzeln gehalten werden. Idealerweise hält man die Tiere in kleinen Rudeln von mindestens drei Tieren. Aber wie sollte eine Gruppe zusammengestellt werden? Hier kann ein Blick auf die wilde Verwandtschaft helfen. Wanderratten passen ihre Sozialstruktur den herrschenden Umwelt- und vor allem Nahrungsbedingungen an. Bei knappen Ressourcen werden Rudel gebildet – bestehend aus einem dominanten Männchen und mehreren Weibchen. Bei einem guten Nahrungsangebot dagegen bilden sich große Gruppen aus mehreren Männchen und Weibchen, die untereinander eine (feste) Rangfolge festlegen. Diese artspezifische (soziale) Flexibilität ermöglicht sowohl die Haltung von gleichgeschlechtlichen Farbratten-Rudeln, als auch eine Haltung im Harem – also einem Männchen mit mindestens zwei Weibchen. Hierbei sollte das Männchen aber kastriert werden, um eine ungewollte Vermehrung zu verhindern. Übrigens zeigen Farbratten einen deutlichen Geschlechtsunterschied: Die Männchen sind in der Regel deutlich größer und schwerer als die Weibchen. Die Hoden sind zudem deutlich sichtbar.

Jung und Alt – die richtige Gruppenstruktur

Farbratten zeigen ein komplexes Sozialverhalten, zudem eine ausgefeilte Rangordnung, die manchmal handgreiflich unter den männlichen Tieren und sehr subtil mittels spezieller Duftstoffe unter den weiblichen Tieren ausgebildet wird. In der Natur werden fremde Tiere nicht geduldet, sofort vertrieben und unter Umständen sogar getötet. Bedingt durch ihre (relativ) kurze Lebenserwartung – im Durchschnitt werden Farbratten nur ein bis drei Jahre alt – müssen Rattenhalter jedoch zwangsläufig immer wieder Tiere in eine bestehende Gruppe integrieren, um eine geeignete Gruppengröße aufrecht zu erhalten. In solchen Fällen bietet es sich an, zwei junge Tiere in die Gruppe zu integrieren, da diese sich leichter unterordnen. Allerdings erfordert eine Vergesellschaftung immer viel Fingerspitzengefühl und Erfahrung.

Eine Vergesellschaftung von mehreren jungen und alten Tieren hat darüber hinaus noch weitere Vorteile. Die extrem verspielten Jungtiere können, beim Fehlen gleichaltriger Artgenossen, die älteren Tiere sehr stören und somit Konflikte in der Gruppe hervorrufen.

Ein abwechslungsreiches Gehege mit Platz zum Buddeln und Klettern

Neben Artgenossen benötigen Farbratten vor allem viel Platz und Abwechslung. Da die Tiere gerne klettern, eignen sich große Vogel- oder Nagervolieren (Gitterabstand 1 cm) besonders gut als Rattenheim. Für eine Gruppe von drei Farbratten werden mindestens eine Grundfläche von 100 x 50 cm und eine Höhe von 100 cm benötigt, jedoch ist eine deutlich größere Unterbringung sehr zu empfehlen. Das Rattenheim sollte dreidimensional gestaltet werden und Bereiche zum Schlafen, Buddeln, Erforschen und Klettern umfassen. Zum Graben eignet sich eine staubarme Kleintierstreu von mindestens 15 cm Höhe. Für die Einrichtung können verschiedene Ebenen, Hängematten, Leitern, Kletterstangen, Seile, Schaukeln und vielfältige Versteckmöglichkeiten (etwa Häuschen und Röhren) aus benagbaren Naturmaterialien wie Holz eingesetzt werden. Dabei sollten den Tieren auch auf den oberen Etagen passende Schlafhäuschen angeboten werden. Ein Sandbad für die Körperpflege darf ebenfalls nicht fehlen.

Das Rattenheim sollte an einem möglichst ruhigen Ort ohne Zugluft und direkte Sonneneinstrahlung stehen. Die Temperaturen sollten zwischen 18 und 26 °C liegen. Farbratten reagieren empfindlich auf hohe Temperaturen und plötzliche Temperaturschwankungen.

Weitere Informationen über die tiergerechte Haltung und Pflege von Farbratten erhält man ebenfalls im Zoofachhandel oder man findet sie in vielfältiger Fachliteratur oder dem Haustier-Berater des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL).

Abwechslung und Beschäftigung sind wichtig!

Die intelligenten und aktiven Tiere benötigen viel Beschäftigung und Abwechslung. Idealerweise erhalten sie daher täglich mehrere Stunden Freilauf in einem interessant gestalteten und rattensicheren Umfeld. Hier können den Tieren beispielsweise auch ein großes, tierschutzkonformes Laufrad oder ein Laufteller sowie Spielsachen, Buddelkisten, Schnüffelmatten und vieles mehr angeboten werden. Zahme Farbratten kuscheln und spielen auch sehr gerne mit ihren Haltern.

Um den Erkundungstrieb der Tiere zufriedenzustellen, empfiehlt es sich darüber hinaus auch im Rattenheim immer wieder neue Einrichtungsgegenstände anzubieten, welche die Tiere untersuchen und benagen können. Hierfür eignen sich nicht nur Kartons, Papierrollen und Naturäste, sondern auch sogenanntes Intelligenzspielzeug. Der Zoofachhandel berät hierzu gerne. Auch das Verstecken von Futter hält die Tiere auf Trab.

Liebe geht durch Magen

Während ihre wilden Verwandten nicht sehr wählerisch sind, neigen Farbratten zur Verfettung und benötigen daher eine ausgewogene und vor allem nicht zu fetthaltige Ernährung. Als Hauptfutter eignet sich eine Mischung aus Getreide, Sämereien und getrocknetem Gemüse. Das Futter darf nur geringe Mengen an fett-/ölhaltigen Bestandteilen, z. B. Leinsamen, enthalten. Ihren Eiweißbedarf können die Ratten durch die Gabe kleiner Mengen getrockneter Insekten, Katzentrockenfutter, Hundekuchen, Milchprodukte (z. B. Hüttenkäse, Magerjoghurt) oder hartgekochtem Ei decken. Abwechslungsreiches Frischfutter (z. B. Gemüse, Obst, Wiesenkräuter) muss täglich angeboten werden. Frisches Trinkwasser muss ebenfalls immer zur Verfügung stehen. Als Leckerbissen – in kleinen Mengen! – können beispielweise Nüsse, Sonnenblumenkerne, ungekochte Nudeln oder ungeschwefelte Trockenfrüchte angeboten werden.

Unter Berücksichtigung dieser Hinweise und einer tiergerechten Pflege können die Nager tolle tierische Mitbewohner werden, die auch gerne mal den kuscheligen Schoß des Halters als Schlafplatz annehmen. IVH/BNA

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