Der Trick mit dem Klick: Mit behutsamem Training werden selbst ängstliche Vögel zahm

Ziervögel, die vom Tierschutz aus schlechter Haltung aufgenommen und weitervermittelt werden, zeigen oft Verhaltensauffälligkeiten. Wie man als Halter bei diesen Tieren Angst und unliebsame Angewohnheiten mit etwas Geduld sehr gut in den Griff bekommt, erzählt die Sittich- und Papageienexpertin Ann Castro. 

Poldy sitzt auf der Stange in seiner neuen Voliere und guckt. Nähert man sich ihm auf mehr als drei Meter, fängt der Nymphensittich an zu schreien und hackt, mit offenem Schnabel und gespreizten Flügeln sich aufplusternd, in die Luft vor ihm. Mit seinen Mitbewohnern in der Voliere versteht er sich gut. Der obligatorische Gesundheitscheck nach der Übernahme aus dem Tierheim hatte ergeben, dass er kerngesund ist – nur deutlich schlechtlaunig seinem neuen Besitzer gegenüber. An Anfassen ist nicht zu denken.

Verantwortung und Respekt

Anstatt frustriert mit dem neuen gefiederten Mitbewohner zu sein, rät Ann Castro, Fachbuchautorin und Clickertraining-Expertin für Papageien und Sittiche, zu einem Perspektivwechsel. „Was kann ich für den Vogel tun? sollte eine entscheidende Frage beim Umgang mit meinen Tieren sein. Wenn ich dem Vogel mit Respekt begegne, versuche ich ja auch, ihn zu verstehen“, sagt die Fachfrau. „Man muss bereit sein, Zeit, Geduld, Geld und Liebe in das Tier zu investieren und wirklich Verantwortung übernehmen“.

Positive Verstärkung & Training

Dass Poldy gar kein genereller Miesepeter ist, sondern einfach nur Angst zeigt, wenn man ihm zu nahe kommt, liegt klar auf der Hand. Doch was lässt sich tun, um das Vertrauen des Sittichs zu gewinnen und ihn zu beruhigen? Hier lautet die Antwort: konsequentes Clickertraining. Ein Clicker ist ein Metallplättchen in einer Box, ähnlich Party-Knackfröschen. Beim Draufdrücken ertönt ein Klick. Damit der Clicker als Brücke zum Tierverhalten fungieren kann, wird er mit Belohnungen verknüpft – und der ängstliche Vogel damit konditioniert. Im Fall von Poldy wird also geklickt, sofort danach ein Leckerli wie Nüsse oder Gemüse in eine Futterschale gelegt, und dann entfernt man sich wieder. Schnell wird der Vogel das Klick-Geräusch mit etwas Positivem assoziieren. „Außerdem würde ich dazu raten, den Vogel genau zu beobachten. Nicht frontal mit beiden Augen wie ein Raubtier, sondern seitlich. Zu schauen, wie er reagiert. Subtile Änderungen verraten, wo seine Komfortzone beginnt. An dieser Grenze klicke ich, belohne und gehe wieder weg. Mit der Zeit schwindet so der Abstand“, sagt Ann Castro.

Vorsicht bei Handaufzuchten

So lange ein Vogel lebt, lernt er. Wenn er aufhört zu lernen, verhungert er – zumindest in freier Wildbahn. Ein Jungvogel lernt von seinen Eltern, noch lange nachdem er futterfest ist, daher liegt das Abgabealter für viele Vögel, beispielsweise bei größeren Tieren wie Aras, auch deutlich über 6 Monaten. Doch viele Züchter und spätere Käufer setzen auf Handaufzuchten, weil die Sittiche dann angeblich zahmer sind. Viele Verhaltensprobleme tauchen dann mit der Pubertät (je nach Art nach 1,5 - 3 Jahren) solcher Vögel auf. Sie fangen beispielsweise an zu beißen. „Beißen ist oft ein Zeichen von Angst. Wie sollen sie sich sonst grabschende Finger vom Leib halten?“, fragt Ann Castro und fügt hinzu: „Viele glauben, nur ein Jungvogel sei gut zu zähmen, aber das ist so nicht ganz richtig. Nicht jeder Vogel aus dem Tierschutz ist misshandelt worden, sondern oft erfolgte die Abgabe, weil der Halter verstorben ist. Solche Vögel sind oft sehr menschenbezogen und zahm. Einige haben gesundheitliche Probleme, aber diese sind mit einem Tierarzt, der auf Ziervögel spezialisiert ist, gut zu behandeln."

Wichtig beim Training: das Leckerli

Geschmäcker sind verschieden – auch bei Ziervögeln. Wenn man dem Vogel eine breite Palette an unterschiedlichen Belohnungen anbietet, pickt er sich schnell das Liebste heraus. „Weiß ich über diese Vorlieben Bescheid, kann ich gut mit dem Vogel trainieren. Nicht zu lange und nicht zu häufig, und auch hungrig sollte das Tier nicht sein“, gibt Ann Castro zu bedenken. So kann man gewünschte Verhaltensweisen regelmäßig belohnen und seinem Vogel neue Dinge an- sowie Angst abtrainieren. Dass das Clickertraining funktioniert, demonstriert Poldy nach einigen Wochen: Er nimmt mittlerweile Sonnenblumenkerne aus der Hand an. IVH

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